Call for Engagement

Seit der globalen Corona-Pandemie bröckeln unsere alten Gewissheiten. Das Wissen, die politischen Maßnahmen, unsere soziale Interaktion verändern sich täglich. Wir sind zu Recht verunsichert – trotz der zahlreichen Versuche, linke Aktions- und Praxisformen an die Pandemiebedingungen anzupassen (Online-Demos, Demos mit Abstand, Online-Veranstaltungen etc.). Doch was, wenn unsere Verunsicherung auch dann noch anhält, wenn das Virus kontrolliert sein wird? Was, wenn wir dann keine Narrative haben, um auf Deutungsversuche der Krise, die uns nach Corona erwarten, emanzipatorisch reagieren zu können?

Corona hat in kürzester Zeit alle gesellschaftlichen Bereiche durchdrungen, ist zum absoluten Gegenstand von Kommunikation geworden und hat nicht nur Inhalte, sondern auch Kommunikationsformen verändert. Trotz (oder gerade wegen?) der Isolation wird gerade viel kommuniziert und geschrieben – in den klassischen Medien, in den sozialen Medien, in den solidarischen Telegramm-Gruppen, in Wohngemeinschaften und Familien. Es entstehen theoretische Texte, Podcasts, Forderungskataloge, Berichte über Unmenschlichkeiten und solidarische Initiativen und vieles mehr.

Der Blog #staythefuckhuman versteht sich als Ort, an dem verschiedenste Erfahrungsberichte aus unterschiedlichen Bereichen gesammelt, gebündelt und öffentlich zugänglich gemacht werden. Er bietet Platz für Auseinandersetzungen mit eigenen Erfahrungen – vor dem Hintergrund von Corona und im Lichte der politischen Verhältnisse. Doch sollen die Erfahrungen in ihrer Vielfalt nicht nur nebeneinanderstehen. Vielmehr geht es um den Versuch, sie zu verarbeiten, ihnen eine allgemeinere Sinnstruktur zu geben, Narrative zu formen. Verwerfungen und Kämpfe sollen sichtbar, ihre Bedingungen reflektiert werden. Jede Perspektive wird ihre Berechtigung haben, solange sie einen emanzipatorischen und universalistischen Standpunkt einnimmt. Denn der Mensch kann sich nur als Mensch befreien.

Das Coronavirus, die Covid-19-Erkrankung, verändert Tag für Tag maßgeblich unsere gesellschaftlichen Praktiken. Menschen halten Abstand, wenn sie sich auf der Straße begegnen. Andere halten keinen Abstand und werden dafür kritisiert. Menschen legen sich einen Vorrat in Maßen an. Andere kaufen sich so viel Toilettenpapier, wie sie in einem Jahr nicht verbrauchen können, und werden dafür als unsolidarisch bezeichnet. Menschen bleiben zuhause und fordern über digitale Medien andere dazu auf, es ihnen gleichzutun. Andere richten Appelle an junge Menschen, aus den eigenen vier Wänden herauszutreten und Angehörigen von Risikogruppen zu helfen.

In Zeiten der Pandemie wandeln Individuen und Gesellschaften auf Messers Schneide. Einerseits formiert sich die Mehrheit autoritätshörig um die Expertise von Politiker*innen und Wissenschaftlern, die über den Ausnahmezustand bestimmen. Ihnen obliegt es, die Menschen anhand ihres Gesundheitszustands als Kollektiv zu dirigieren – „Bio-Macht“ nannte das der französische Philosoph Michel Foucault. Andererseits wird regelmäßig deutlich, dass ausreichende Evidenzen über das Virus, nach denen individuelles wie gesellschaftliches Verhalten eindeutig beurteilt und ausgerichtet werden könnten, fehlen. Angesichts nur scheinbarer Gewissheiten bröckelt somit die Autorität und jede einzelne wird immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen. Damit tritt auch zutage: Was als solidarisches, was als unsolidarisches Verhalten gilt, muss letztlich diskursiv ausgehandelt werden.

View this post on Instagram

Wake up, guys! 😡🥊 #stayhome

A post shared by Til Schweiger (@tilschweiger) on

Schon heute lässt Corona Tag für Tag die Irrationalität und Unmenschlichkeit der herrschenden Verhältnisse zutage treten. Während die Lieferketten des internationalen Kapitals einen nennenswerten Beitrag zur Verbreitung des Virus geleistet haben, sitzen Kassiererinnen ohne Gefahrenzulage in Supermärkten. Während in den vergangenen Jahren das Personal in Hospitälern für privaten Profit eingespart wurde und die Monopolisierung der Arzneimittelindustrie vorangeschritten ist, retten Krankenhausmitarbeiterinnen heute in ihren Überstunden die Leben der Infizierten. Während die Mitarbeiter von Hedgefonds auf den Niedergang von nationalen Ökonomien wetten, bringen migrantische Kuriere ihnen die Essensbestellungen an den Arbeitsplatz. Während Angela Merkel feministische Appelle an die Nation richtet, landet der 33. Abschiebeflug in Kabul. Während Promis und jeder Hanswurst #staythefuckhome fordern oder auf Patrouille gehen, um die zwei Meter Abstand selbst zu überprüfen, werden Obdachlosenheime, Beratungsstellen und Frauennotunterkünfte geschlossen.

Im Auge der Pandemie definiert sich der gesellschaftliche Wert von Arbeit neu. Und es wird offenbar, wie unmenschlich und irrational Arbeit unter kapitalistischen Verhältnissen wertgeschätzt wird – Verhältnisse, die uns Bürger*innen, Intellektuelle, Alt- oder Neureiche des globalen Nordens grundlegend korrumpiert haben. Offenbar wird die Korruption in jedem Erschrecken darüber, wie ein Obdachloser in diesen Zeiten noch nach Geld fragen könne. Sie wird offenbar in jedem skeptischen Blick auf die migrantische Familie, die zu dieser Zeit noch in großer Zahl im Park beisammensitzt. Sie wird offenkundig in dem Erstaunen darüber, dass die alleinerziehende Putzfrau ihre Kinder noch immer zu Oma bringt. Unsere Korruption findet Ausdruck in jedem noch so kleinen Ressentiment, das dem imaginierten Kleinod der bürgerlichen Familie entspringt.

Was die sich aktuell vollziehenden politischen Veränderungen langfristig bedeuten werden, ist auch für die politische Linke nur schwer zu greifen. Rassismuskritische Aktivist*innen tendieren dazu, eine Ausweitung des Ausnahmezustands zu erkennen. Geprägt von der Erfahrung, wie Geflüchtete und Migrant*innen tagtäglich diskriminiert, entrechtet und getötet werden, sehen sie in den staatlichen Maßnahmen der Verbote, Kontrollen und Sanktionen die Vorwegnahme des permanenten Ausnahmezustands. Andere stellen die Frage, ob die Zusammenarbeit aus Politik, Virologie und Kapital tatsächlich einer Faschisierung das Wort redet. In ihren Augen entspricht der Ausnahmezustand zwar einer autoritären Reaktion, aber nicht einer proaktiven Faschisierung.

In einem wegweisenden Artikel in der Wochenzeitung Der Freitag brachten Mario Neumann, Pressereferent bei medico international, und der Jurist Maximilian Pichl die politische Ambivalenz der Tage auf den Punkt: 

Der Covid-19-Virus trifft die Welt von außerhalb der politischen Machtstrukturen und wirbelt diese Welt der Programme, Strategien und Ideologien auf, er zwingt ihr einen wissenschaftlich abgesicherten Pragmatismus und gleichzeitig eine radikale Gegenwärtigkeit auf. In ihr werden sich die alten politischen Interessen neu konstituieren und artikulieren.“

In der Erkenntnis, dass die Welt nach Corona bereits jetzt ausgehandelt wird, fordern Neumann und Pichl, in einen offenen Dialog zu treten, um die aktuellen Prozesse zu verstehen. Unkenntnis, Widersprüchlichkeit, Ambivalenz bieten tatsächlich die Chance auf einen neuartigen Austausch zwischen unterschiedlichen politischen Fraktionen. Verschiedenste Perspektiven – von dystopischen Ängsten bis zu visionären Rückschlüssen – suchen ihren Raum. Dass dieser nicht allen Positionen gewährt werden darf, zeigen die sogenannten Hygienedemos in Berlin. Doch demütig zu fragen anstatt mit Antworten aufzuwarten, verstehen zu wollen anstatt zu agitieren, zuzuhören anstatt zu referieren – all das ist auch von einem universalistischen und emanzipatorischen Standpunkt aus möglich.

Die Zukunft beginnt jetzt. Welche Narrative in einigen Monaten hegemonial sind, wodurch soziale Interaktion und politische Entscheidungen legitimiert werden, welche Begründungen für individuelle und kollektive Praxen herangezogen werden, entscheidet sich schon heute. Die kanadische Intellektuelle Naomi Klein hat dies schon am 16. März in einer beeindruckenden Videobotschaft deutlich gemacht. Wenn die Annahme stimmt, dass keine Gesellschaft ohne eine Art Alltagsrhythmus auskommt, werden sich die Fragen stellen: Welche werden die neuen alltagsrhythmischen Formen sein? Wer etabliert sie? Und wie können wir dafür Sorge tragen, dass es solidarische Formen sind, die sich entwickeln? Das Rohmaterial, auf dessen Grundlage wir über die Zukunft mitentscheiden, ist uns in den vergangenen Tagen bereits begegnet, vielleicht begegnen wir ihm noch tagtäglich. Es besteht aus jenen Erlebnissen, in denen sich Unmenschlichkeit und Menschlichkeit, Egoismus und Solidarität, Härte und Zärtlichkeit, Erkenntnis und Ideologie in Zeiten von Corona verdichten.

Corona verdichtet – so unsere Annahme – die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen wir schon lange leben. Wie unter einem Brennglas erleben wir heute, was in unserem Alltag normalerweise verschüttet ist. Unsere Erfahrungen sind das Rohmaterial, das es zu verarbeiten gilt. Lasst sie nicht verschüttet gehen, sobald das Räderwerk von Neuem ins Rollen kommt. Lasst sie uns zu Erzählungen machen, aus denen wir Sinn stiften. Unsere Geschichten werden uns dabei helfen, die Welt nach Corona solidarischer zu gestalten. In diesem Sinne beabsichtigt #staythefuckhuman, unterschiedliche Textsorten und andere Formate zu versammeln. Wir freuen uns auf eure Beiträge (max. 10.000 Zeichen) an:

redaktion@staythefuckhuman.com